29.10.2019 > Vorsorgliche Abschaltung 8 Werke


Am 26. Juni 2019 hat das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV auf der Basis einer Neubeurteilung befunden, dass es für Abbauprodukte von Chlorothalonil Hinweise für eine Gesundheitsgefährdung gibt. Wir informierten Sie mit der Presseinfo vom 31.08.2019. Diese Neubeurteilung stellt die aquaregio ag vor eine neue Herausforderung, da ein bislang wenig beachteter Fremdstoff im Trinkwasser plötzlich zum kritischen Inhaltsstoff mit verbindlichem Höchstwert wird.

 

Im Versorgungsgebiet der aquaregio ag lagen im August 2019 für Sursee, Sempach und Beromünster Messungen der Dienststelle Lebensmittelkontrolle und Verbraucherschutz des Kantons Luzern vor. Die aquaregio ag veranlasste zusätzlich umgehend 19 unabhängige Probeentnahmen an allen Wasserfassungen (Quellen und Grundwasserpumpwerke). Getestet wurde auf über 400 relevante Stoffe in Zusammenhang mit dem Einsatz von Pestiziden und Herbiziden. Die Proben wurden durch die UFAG Laboratorien AG Sursee ausgeführt.

 

Die Resultate liegen nun vor und zeigen folgendes Bild:

 

Neue Grenzwerte überschritten (Werke ausser Betrieb):

• PW Zimmerrüti Nottwil Chloridazon-desphenyl 0,28 μg/l

• Quelle Bachtalen Nottwil Chloridazon-desphenyl 0,15 μg/l

• Quelle Nübrich Sempach Chlorothalonil-M12 (R417888) 0,48 μg/l *

• PW Unterhof Oberkirch Chloridazon-desphenyl mit 0,22 μg/l Chlorothalonil-M12 (R417888) 0,19 μg/l

• PW Friesenau Oberkirch Chloridazon-desphenyl 0,15 μg/l Chlorothalonil-M12 (R417888) 0,30 μg/l *

• Quelle Brand Oberkirch Chloridazon-desphenyl 0,11 μg/l

* = Überschreiten auch die Summe aller nachgewiesenen Stoffe

 

Knapp unter den Grenzwerten (Werke ausser Betrieb):

• PW Maienbach Nottwil Chloridazon-desphenyl 0,095 μg/l

• Quelle Engelweid Oberkirch Chlorothalonil-M12 (R417888) 0,093 μg/l

 

Stoffe nachgewiesen (Werke bleiben im Betrieb):

• PW Schlösslimatt Beromünster Chloridazon-desphenyl 0,083 μg/l

• PW 3 Zellfeld Schenkon Chloridazon-desphenyl 0,054 μg/l

• Quelle Burg Schenkon Chloridazon-desphenyl 0,036 μg/l

• PW Ribali Beromünster Chloridazon-desphenyl 0,033 μg/l

 

Bei allen anderen, insbesondere bei den grossen Bezugsorten der aquaregio ag konnten keine Belastungen nachgewiesen werden.

 

Acht Werke vorsorglich ausser Betrieb

Marcel Morf, Leiter Ressort Technik, und Sacha Heller, Verwaltungsratspräsident der aquaregio ag, haben die Daten nach Rücksprache mit dem Labor gewichtet und die Brunnenmeister angewiesen alle Werke, deren Messresultate über 0,090 μg/l (= 10% vor dem Erreichen des Grenzwertes) liegen, vorläufig vom Netz zu nehmen. Diese Sofortmassnahme erfolgte vorsorglich. Acht betroffene Bezugsorte sind nun ausser Betrieb. Die Versorgung der Bevölkerung mit einwandfreiem Trinkwasser wird aktuell ab den unbelasteten Bezugsorten sichergestellt.

Als weitere Sofortmassnahme ersucht die aquaregio ag die Bewirtschafter in den Schutzzonen und in den Zuströmbereichen den Einsatz der Stoffe freiwillig auszusetzen oder wenigstens weitgehend einzuschränken. Für Landwirte hätte ein Verzicht gemäss einem Bericht der Bauernzeitung (https://www.bauernzeitung.ch/artikel/chlorothalonil-ein-verbot-wuerde-die-landwirtschaft-nicht-zumerliegen-bringen) keine gravierenden Folgen. Chlorothalonilhaltige Produkte liessen sich leicht ersetzen. 

 

Strenge Vorgaben

Zum Schutz der menschlichen Gesundheit gelten beim Trinkwasser für Pflanzenschutzmittel und für möglicherweise gesundheitlich relevante Abbauprodukte strenge Höchstwerte. Die Lebensmittelgesetzgebung schreibt in der TBDV (Anhang 2) Höchstwerte für Pestizidwirkstoffe und deren relevante Abbauprodukte von Pestizidwirkstoffen vor. Auch ist in der TBDV ein maximal zulässiger Summenwert für Pestizide im Trinkwasser definiert. Einzelstoffe: 0,1 μg/l (Ausnahmen: Aldrin, Dieldrin, Heptachlor und Heptachlorepoxid: 0,03 μg/l) Summe aller Pestizide: 0,5 μg/l 0,1 μg/l = 0.1 Mikrogramm pro Liter = 10-7g /l = 0,000‘000’1 g/l.

 

Pestizide werden nach dem Austragen im Boden abgebaut. Die neu entstehenden Stoffe (Abbau-produkte oder Metaboliten), können ebenso wie der ursprüngliche Wirkstoff giftig sein. Sie wer-den als «relevant» bezeichnet und mit dem Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter begrenzt. Wird der Stoff als nicht biologisch aktiv bzw. nicht giftig beurteilt, klassiert man das Abbauprodukt als «nicht-relevant». In der TBDV ist für nicht-relevante Metaboliten kein Höchstwert vorgesehen. Es kommt vor, dass Stoffe ursprünglich als harmlos eingestuft werden, aber nach Jahren des Einsatzes und neueren Forschungsresultaten als «relevant» eingestuft werden müssen. Werden die Anforderungen nach TBDV nicht erfüllt (d.h. die Höchstwerte für Pestiziden und relevante Metaboliten werden überschritten) wird das Lebensmittel durch die Gesundheitsbehörde beanstandet und die Wasserversorger müssen Massnahmen planen und ergreifen.

 

Besten Dank für Ihre Berücksichtigung.


Was bewirkt aquaregio?


aquaregio wasser sursee-mittelland

Wasserbedarf steigt an

Der regionale Entwicklungsträger Sursee-Mittelland hat auf Basis des kantonalen Richtplans eine umfangreiche Studie zur Sicherheit unserer Trinkwasserversorgung durchgeführt. Fakt ist: Der Wasserbedarf steigt stetig an, auch bei kleinerem Pro-Kopf-Verbrauch. Gleichzeitig sind die eigenen Ressourcen in den sensiblen Gebieten rund um den Sempachersee beschränkt und die Reserven bei einer Gefahrenlage rasch erschöpft.

Versorgungssicherheit gewährleisten

Aus diesem Grund wurde zur Planung im Jahr 2016 die einfache Gesellschaft aquaregio gegründet, um Synergien zu finden und sich gegenseitig bestmöglich aushelfen zu können. Anhand der Planungsresultate beantragen 8 Gemeinden und ihre 11 Wasserversorgungen, den Verbund aquaregio umzusetzen. Die Fehlmenge von rund 25% des Spitzenbedarfs kann der Verbund zukünftig aus der Gemeinde Emmen beziehen. Ziel ist die optimale Vernetzung, um die Trink- und Brauchwasserversorgung für Generationen sicherzustellen.


Gemeinsam in die Zukunft investieren

Damit eine neu gegründete Aktiengesellschaft die Primäranlagen im Frühjahr 2019 übernehmen und die notwendigen Projekte umsetzen kann, braucht es in den jeweiligen Gemeinden die Zustimmung an der Urne, an Gemeindeversammlungen und in den Gremien der Wasserversorgungen.